Tanzverbot am Karfreitag

Piratengedanken sind Meinungen von Mitgliedern, die keine offiziellen Positionen der Piratenpartei Bergstraße darstellen. Ein Piratengedanke von Christian Hufgard
 
Eines muss ich zugeben: Ich bin Jahr für Jahr erneut erstaunt über die hitzigen Debatten, die sich zu Karfreitag rund um das hessische Feiertagsgesetz entladen. Zur Klarstellung möchte ich eines vorwegschicken: Das Hessische Feiertagsgesetz stammt aus dem Jahr 1971 und verstösst gegen die grundgesetzliche Trennung von Staat und Kirche. Hier werden zwei Religionsgemeinschaften Sonderrechte eingeräumt und bürgerliche Freiheiten eingeschränkt. Auch widerspricht das Tanzverbot jeglicher gelebten Realität, was sich auch darin beweisst, dass in zahlreichen Gemeinden und Städten die Ordnungsämter beide Augen und Ohren zudrücken, um die Bevölkerung nicht vollkommen zu vergrätzen. Somit stellen sie sich selber über das Gesetz, zu dessen Einhaltung sie verpflichtet sind.
 
Das Hessische Feiertagsgesetz bestimmt, dass an allen Feiertagen Tanzveranstaltungen zwischen 4 Uhr nachts und 12 Uhr mittags verboten sind. Noch stärker werden an Ostern die persönlichen Freiheitsrechte eingeschränkt. Hier sind Tanzveranstaltungen von Gründonnerstag 4 Uhr nachts bis Ostersamstag 0 Uhr verboten. In der Tat gilt also an einem Tag im Jahr ein umfassendes Verbot von Tanzveranstaltungen. Und dieses Tanzverbot hat nun dazu geführt, dass am Karfreitag 2011 aus Protest rund 1.000 Demonstranten auf dem Römerberg gegen das Hessische Feiertagsgesetz protestiert hatten und viele Gespräche zu diesem Thema geführt wurden. 2012 wurde sogar weltweit über eine Aktion der Piratenpartei Hessen berichtet. Es gab damals sogar ein höchstrichterliches Urteil, das entschieden hat, dass das Tanzverbot einer gründlichen Überprüfung bedarf. Diese rechtliche Klärung dauert zur Zeit noch an.
 
Ich möchte mich an dieser Stelle mit meiner eigenen Meinung nicht zurückhalten. Ich finde die Demonstrationen und Proteste gegen das Tanzverbot absolut angemessen. Der Verzicht auf Tanz und öffentliche Feiern an einem Tag im Jahr aufgrund der christlichen Tradition Deutschlands ist alleine schon in Anbetracht der sinkenden Mitgliedszahlen mehr als überkommen. Wer Sonntags eine Kirche besucht, sieht dort deutlich mehr leere als gefüllte Reihen. Ebenso steigt das Durchschnittsalter der Kirchgänger immer weiter an - was nicht nur an der allgemeinen Entwicklung in Deutschland liegt. Der Karfreitag zählt zu den höchsten Feiertagen der Christen, für die Protestanten ist er sogar der höchste Feiertag im Kirchenjahr. Christen gedenken an diesem Jahr dem Leiden und dem Tod von Jesus Christus, das nach christlichem Glauben für die Erlösung der Menschheit absolut notwendig und von Gott bereits tausende Jahre vorher so festgelegt war. So ist der Karfreitag zwar der Tag an dem der Sohn Gottes starb, aber ohne diesen Tod hätten Christen keine Hoffnung auf Erlösung. Drei Tag später wurde Jesus dann auch schon wieder von den Toten auferweckt.
 
Es gibt aber immer noch Gläubige die diesen Tag zum Innehalten, zum Kirchgang und zum stillen Gebet nutzen. Aus Respekt gegenüber dem Christentum und den praktizierenden Christen halte ich es für angemessen, an diesem Tag keine Tanzveranstaltungen under freiem Himmel durchzuführen. Aber jegliches öffentliche Feiern gesetzlich zu verbieten und unter Strafe zu stellen, erscheint mir gerade zu mittelalterlich. In einer vermeintlich aufgeklärten, pluralistischen Gesellschaft wird es auch immer schwer, ständig darauf zu achten, keine Gefühle von religiösen Gruppen oder gesellschaftlichen Minderheiten zu verletzten. Wenn Menschen nachts in Clubs und Diskotheken tanzen, wird kein Christ dadurch in der Ausübung seiner religiösen Pflichten gestört.
 
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich möchte keinen Christ an diesem Tag zum Tanzen zwingen oder ihm vorschreiben, wie er seinen Tag zu verbringen hat. Ich bin lediglich der Auffassung, dass der Karfreitag keine Sonderrolle im Leben der Mehrheit der Bevölkerung spielt.
 
Ein Großteil unserer Feiertage in Hessen und Deutschland hat einen heidnischen Hintergrund. Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam – diese Feiertage sind zwar mit einem biblischen Ereignis verbunden aber vom Zeitpunkt und auch der Symbolik her an heidnische Festtage angelehnt. Ob Osterhase oder Weihnachtsbaum - heidnische Symbolik überall. Bei Einführung dieser gesetzlichen Feiertage stand der Wunsch im Fokus, den Menschen einen Kirchgang an diesem christlichen Feiertag zu ermöglichen. Wenn wir am Karfreitag die Freigabe von Tanzveranstaltungen und womöglich die Öffnung der Einkaufszentren fordern, müssen wir uns natürlich auch mit der Frage beschäftigen, ob dieser Tag dann dennnoch arbeitsfrei sein kann. Die Antwort der Piratenpartei Hessen darauf ist eindeutig: Ja.
 
Ich bleibe dabei: Wir leben in einem Land mit einer über Jahrhunderte gewachsenen christlichen Tradition, haben uns aber deutlich davon emanzipiert. Wir gehen dennoch respektvoll mit allen Religionen um, weigern uns aber, uns allen Einschränkungen auf einmal zu unterwerfen. In Deutschland darf am Sabbat gearbeitet werden und wir dürfen Schweine- und Rindfleisch essen. Niemand wird gezwungen koscher zu kochen, halal zu Schlachten oder zum Ganges oder nach Mekka zu pilgern. Wer dies aber tun möchte, dem muss dies umbedingt erlaubt sein!
 
Wer radikal an einem Tanz- und Arbeitsverbot festhält, der soll auch bitte eine konsequente Durchsetzung fordern. Keine Kneipen sollten geöffnet sein und keine Tankstellen. Keine Kinos und keine Opernhäuser. In Radio und Fernsehen wird nur mit einer Notbesetzung gearbeitet, die ausschließlich im Katastrophenfall tätig werden darf. Im Internet wird Wikipedia gesperrt - denn laut Feiertagsgesetz müssen auch Büchereien geschlossen halten. Dann sehen wir sicherlich sehr bald, ob sich die Gesellschaft bereit ist, sich Einschränkungen aus den 70er-Jahren zu unterwerfen. Hessen ist auch in Bezug auf das Feiertagsgesetz mehr als rückständig in Deutschland und sollte hier langsam im 21. Jahrundert ankommen. Schließlich und endlich sind Menschen, die am Karfreitag tanzen dürfen, glücklichere Menschen und steigern das Bruttonationalglück.
 
Dieser Artikel ist eine Replik auf den Oktober 2012 erschienenen Artikel "Tanzverbot am Karfreitag" des CDU-Abgeordneten Peter Tauber.
 

Kommentare

Christliche Feiertage: rechtswidrig und unchristlich!

Alle staatlichen christlichen Feiertage (und damit auch Tanzverbote an diesen Tagen) sind verfassungswidrig, da das Bundesverfassungsgericht gerade erst vor kurzem geurteilt hat, dass auch das Christentum nicht bevorzugt behandelt werden darf (gemäß Grundgesetz-Art. 4, welcher jegliche Bevorzugung irgendeiner religiösen oder nichtreligiösen Weltanschauung verbietet).
Außerdem widerspricht das Bestehen auf eigener Bevorzugung massiv der christlichen Nächstenliebe, ohne die laut Bibel sich niemand Christ nennen darf!